Corona on FIRE

In der FAZ (leider Bezahlcontent) berichtet Volker Looman, dass sich bei ihm durch die Pandemie die Anfragen häufen, wie man sich möglichst früh zur Ruhe setzen kann, und wieviel Erspartes dafür nötig ist. Also die klassische FIRE-Frage („Financial Independence, Retire Early“), die in der Finanzblogszene seit Jahren durchgekaut wird: Über Sparraten,  Frugalismus und passives Einkommen bis zu sichere Entnahmeraten sollte mittlerweile eigentlich alles schon gesagt und geschrieben worden sein. Aber scheinbar noch nicht von jedem.

Dass gerade durch Corona die Frage nach dem frühen Vorruhestand bei vielen Leuten neu aufkommt, finde ich überraschend. Duch das in vielen Betrieben seit über einem Jahr übliche Homeoffice ist viel von dem Nervkram eines klassischen Angestelltenjobs weggefallen. Und selbst wenn man diese Zeit nicht genutzt hat, seinen 9-5 Bürojob als Arbeitsnomade an den Strand oder in eine malerische Berghütte (mit Internetanschluss) zu verlegen, bieten die neuen Arbeitsverhältnisse für viele ungewohnte Freiheit und Gestaltungsspielräume. Ich habe im Bekanntenkreis eher Fälle, bei denen jemand vor Corona sein sicheres Angestelltenverhältnis verlassen hat, für ein Sabbatical oder mehr Work-Life-Balance, und das im Rückblick bereut, weil vieles durch die neue Homeoffice-Freiheit auch im alten Job möglich gewesen wäre.

Müde Mitfünfziger

Anyway, das Thema ist wieder da, und Volker Looman rechnet mal nach. Die Rechnung ist ja nach wie vor relativ simpel: „Geplantes“ Lebensalter mal Wunschrente, plus erwartete Inflation minus Verzinsung des eigenen Vermögens am Kapitalmarkt, ergibt den notwendigen Betrag.  Es geht hier aber ausnahmsweise mal nicht um zwanzigjährige Frugalisten, die durch Verzicht auf Starbucks-Lattes und Mehrfachverwendung von Klopapier mit 30 finanziell frei sein wollen, sondern eher um arrivierte Mittvierziger oder Mittfünfziger, die die verbliebenden Jahre zum Renteneintritt radikal abkürzen wollen.

Der Vorteil in dieser Personengruppe ist, dass man nicht mehr soviel Zeit mit Angespartem überbrücken muss, und auch die bereits erarbeiteten Rentenansprüche stark ins Gewicht fallen. Der Nachteil ist, dass sich die Personen in den Fallbeispielen nicht mit frugalen 1.000 Euro im Monat zufrieden geben, sondern eher mit 3.000 oder gar 10.000 Euro pro Monat für ihre verbliebenen Lebensjahre planen. Was auch deutlich näher an der Lebensrealität vieler Gutverdiener mittleren Alters sein wird.

Wenig überraschend sind die Summen, die man angespart haben muss, gigantisch. Für den 45-jährige Single, der sich eine Sofortrente von 3.000 Euro wünscht, kommt Looman auf rund 1,4 Millionen Euro Erspartes. Und das auch nur wenn er bis zum geplanten Ableben sein Vermögen vollständig aufbraucht und als arme Kirchenmaus begraben wird. Für eine sichere Entnahmerate, bei der am Lebensende noch Geld übrig bleibt, müssten es schon gut 1,7 Millionen sein. Auch die anderen Fallbeispiele in dem Artikel zeigen, dass FIRE einen Vermögensaufbau erfordert, der in Deutschland selbst mit einem überdurchschnittlichen Angestellteinkommen nur schwer zu realisieren ist, wenn man nicht erbt oder im Lotto gewinnt.

Teilzeitrentner

Ich hatte dazu vor sechs Jahren schon einmal einen längeren Artikel im Blog, der zum selben Ergebnis kam, dass die klassische Early Retirement Strategie in Deutschland eher nicht funktioniert. Was aber gar nicht so dramatisch ist, weil dafür in Deutschland etwas anderes viel besser funktioniert: nämlich ein Teilzeit-Ausstieg, bei dem man noch einen Zwei- oder Dreitagejob hat, der neben einem kleine(re)n Einkommen auch das Thema Kranken- und Sozialversicherung voll abdeckt, und bei dem durch die wegfallende Steuerprogression deutlich mehr netto vom brutto übrig bleibt. In diesem Szenario schrumpft das notwendige Vermögen auf einmal auf realistischere Dimensionen und kommt in greifbare Nähe.

In der Zwischenzeit habe ich für mich dieses Modell tatsächlich umgesetzt und meine Arbeitszeit auf drei Tage reduziert. Bislang noch nicht endgültig, durch die seit letztem Jahr mögliche „Brückenteilzeit“ kann man das auch mit einem garantierten „Rückfahrschein“ in die Vollzeit einfach mal ausprobieren. Aber nach knapp einem Jahr kann ich sagen, dass die Entscheidung meine Lebensqualität dramatisch verbessert hat.

Depressive Dauerferien

Für den Schritt in den vorzeitigen (Teil-)Ruhestand ist neben der finanziellen Machbarkeit am Ende aber mindestens genauso wichtig, ob man mit der vielen Freizeit überhaupt etwas anzufangen weiss, die mit einem Ausstieg aus dem Beruf auf einmal zur Verfügung steht. Looman ist da skeptisch, und vermutet, dass viele in der Realität eher in Langeweile und Depression abdriften würden.

Aber auch dafür ist ein Teilzeitausstieg ein guter Testballon: Es ist tatsächlich etwas anderes, im stressigen Büroalltag von mehr Freizeit zu träumen, oder diese Freizeit tatsächlich zu haben, und die freien Tage sinnvoll zu füllen. Mit einem Teilausstieg behält man ein Bein immer noch im beruflichen Alltag. Und ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere nach einer Testphase doch wieder zurück in die Vollzeit wechselt, weil die viele Freizeit nicht das erhoffte Lebensglück gebracht hat.

7 Gedanken zu „Corona on FIRE“

  1. …mal wieder ein sehr exquisiter Beitrag von dir, vielen Dank! Die von der FAZ und dir beschriebene Thematik trifft auch „voll“ auf mich zu: noch 51, noch in Vollzeit in gut bezahltem Angestelltenverhältnis eines Großunternehmens, i.w. dank der Jahre 2008 – ca. 2014 als aktiver Investor mittlerweile ansehnliches Depot (Aktien-ETFs, TG, Bargeld/Cash). Bei der Brückenteilzeit kann man sich in meinem Unternehmen fix für 1, 2, 3,4 oder 5 Jahre (Brücken)TZ entscheiden, das Modell nach Entscheidung aber nicht mehr ändern. Hier schwanke ich daher noch ein wenig und tendiere aktuell zu drei Jahren fixer Brückenteilzeit und eine 3-Tage-Woche.

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    • 3-Tage-Woche kann ich empfehlen 🙂 Die Herausforderung dabei ist aber, tatsächlich auch nur die drei Tage zu arbeiten. Die Versuchung, an den freien Tage doch nochmal schnell in die Firmenmails zu schauen, oder an dem einen superwichtigen Call teilzunehmen, ist immer da. Aber dann hätte man „worst of both worlds“: Weniger Geld und dabei trotzdem noch einen Vollzeitjob.

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      • Ja, das sehe ich auch als großen Nachteil. Man muss viel mentale Stärke mitbringen und braucht eine gewisse Akzeptanz auch des Umfelds in der Firma. Wann genau macht man „mal“ eine Ausnahme? Wäre mir persönlich wahrscheinlich zu stressig, denn dann kann man doch nie so ganz entspannen?! Ich plane daher tatsächlich mit „klassischem“ FIRE. Das geht auch in Deutschland, denn wir haben sogar durch die gesetzliche Krankenversicherung einen kleinen Vorteil (neben vielen Nachteilen) im Vergleich zu Amerika.
        Viele Grüße
        Jenni

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        • Na, dann drück ich dir die Daumen, dass es mit dem vollen FIRE klappt. Gibt ja durchaus ein paar Leute, die das auch in Deutschland geschafft haben. Sehr schönen Blognamen hast du dir ausgesucht, by the way 🙂

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  2. Sehr schöner Beitrag
    Ich kann mir jedoch recht gut vorstellen warum gerade jetzt viele auf die Idee kommen.
    Ich habe das Ziel mit spätestens 60 Jahren den Bürorechner endgültig herunter zu fahren.
    Mit jetzt gerade mal 41 Jahren durfte ich aber nun, bedingt durch 50-100% Kurzarbeit, schon für mittlerweile ein Jahr ein wenig der „freien Luft“ schnuppern…da kann man schon auf den Geschmack kommen.
    Mit den anfänglich 60% Gehalt welche der Staat mir zur Verfügung gestellt hat konnte ich gut (über-)leben und auch meine Eigentumswohnung halten.
    Das mit der Langeweile kann ich bisher auch nicht bestätigen, habe mich viel mit dem Ausbau meines Depots beschäftigt, mich auf dem Immo-Markt umgeschaut (bin jetzt gerade im Ankauf der 2. zu vermietenden Wohnung), kümmer mich um meine P2P Konten und treibe mehr Sport…an sich ein schönes Leben 🙂
    Die Nebeneinnahmen entsprechen leider noch nicht den nun getesteten 60% vom Staat und gehen komplett in die Reinvestition auf das der Schneeball weiter wächst. 😉
    Zum Glück wird nun die Auftragslage wieder etwas besser, so kommt mehr Cash für den Aufbau des Portfolios rein.
    Einerseits reizt es mich nun für 2022 eine 4-Tage Woche anzufragen, andererseits würde das ja meinen Aufbau bremsen…da bin ich noch zwiegespalten.

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    • Das ist tatsächlich die zentrale Frage: Lieber noch ein paar Jahre weiterarbeiten um genug Heu eingefahren zu haben, oder schon jetzt einen Gang runterschalten (mit entsprechend weniger Heu in der Scheune). Meine Vermutung ist, dass die meisten (mich eingeschlossen) da zu vorsichtig rangehen. Klar, es ist immer besser wenn man noch etwas mehr angespart hat, man weiss ja nie. Aber die verstreichenden Jahre kommen nicht wieder.
      Mr. Money Mustache hat dieses Verhalten, zur Sicherheit lieber nochmal etwas weiterzuarbeiten, treffend als „one more year syndrome“ beschrieben.

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      • Das es noch nicht genug ist bin ich mir sicher, die getesteten 60% möchte/muss ich schon erreichen…andererseits gibt’s noch so viele Unwägbarkeiten:
        – Wie viele Wohnungen und Aktien kommen noch dazu
        – Hab ich Nieten und Leerstand dazwischen
        – 80 statt 100% Arbeitszeit / Lohn verlangsamen den Aufbau und verringern die Rente
        + Bis 60 ist die Eigentumswohnung auch sicher abgezahlt, macht Cash frei
        + Irgendwo schlummern noch (Renten-)Versicherungen

        Da steht mir erst noch einiges an Fleißarbeit bevor das alles mal zu Ordnen.

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